Den Körper ernst nehmen: Über Ahimsa im Asana Praxis

Ahimsa ist eines der grundlegenden Prinzipien des Yoga und bedeutet so viel wie Nichtverletzen oder Gewaltlosigkeit. Klingt sinnvoll und zugleich sehr universell, oder? In dieser oder ähnlicher Form taucht dieses Konzept in vielen Philosophien, Religionen und Kulturen auf.

Was kann Ahimsa im Kontext der eigenen Praxis bedeuten? Ich denke dabei an die Praxis des Iyengar-Yoga – also an eine präzise, anatomisch fundierte und muskulär unterstützte Form des Übens. Es ist eine kraftvolle Praxis, in der wir im Unterricht dazu ermutigt werden, die Oberschenkel zu aktivieren, den Brustraum zu öffnen und die Rückenmuskulatur zu stärken. Das steht der Idee des Nichtverletzens durchaus nahe: Durch das bewusste Tun spüren wir ganz konkret – im Körper wie auch auf einer subtileren Ebene – eine positive Veränderung. Wir tun uns etwas Gutes. Mit der Zeit könnte man (mit einem Augenzwinkern) sogar meinen, sich Yoga zu verweigern wäre fast schon eine Form der Selbstverletzung.

Doch je länger uns die Praxis begleitet, desto mehr beginnen wir, die Nuancen dieses Ansatzes zu erkennen. Es geht nicht nur darum, die Praxis an unser Befinden anzupassen – etwa während der Menstruation, bei Verletzungen oder Erschöpfung. Es geht vielmehr um unsere grundsätzliche Haltung dem eigenen Körper gegenüber, um die Qualität des Kontakts mit ihm.

Wir können eine „perfekte“ Trikonasana ausführen, die uns jedoch vollständig vom Körper trennt, weil unser Fokus ausschließlich auf der äußeren Form der Asana liegt. Oder wir praktizieren eine Trikonasana, die vielleicht nicht wie aus dem Lehrbuch aussieht, uns dafür aber zentriert, uns hilft, den gegenwärtigen Moment und uns selbst in diesem Moment zu spüren. Das widerspricht der Präzision nicht – im Gegenteil, es hebt sie auf eine tiefere Ebene.

Kürzlich bin ich auf ein Zitat gestoßen, das mich sehr berührt hat. Ein Ausschnitt daraus lautet:

„Ich habe oft festgestellt, dass die Techniken, die wir anwenden, nicht wirklich verstanden werden. Wir setzen sie an einem Organismus ein, der nicht bereit ist. Wir legen sie dem Körper auf, als wollten wir ihn kolonisieren, ohne seine Kultur, seine Gewohnheiten, seine Sprache und seine innere Semantik zu verstehen. Das führt fast immer zu Spannungen, bei denen der Fokus auf dem Ausführenden liegt.“
— Christian Pisano

Das Bild eines praktizierenden Yogis als „Kolonisator“ des eigenen Körpers, der ihm seine Vorstellungen aufzwingt, ohne dessen innere Balance zu respektieren, erscheint mir sehr stark und treffend. Ein Körper, der so oft im Leben instrumentalisiert wird, kann auch auf der Yogamatte objektifiziert und sogar grausam behandelt werden. Dabei geht es wirklich nicht nur darum, Verletzungen zu vermeiden. Es geht um Respekt.

Und das ist ein anspruchsvolles Thema: Respekt gegenüber unseren Spannungen, unserer Verletzlichkeit, unseren Blockaden und inneren Unruhen. Respekt dafür, dass sie nicht aus dem Nichts entstanden sind, sondern einmal eine Funktion und vielleicht sogar einen Nutzen hatten.

Mit einer gewaltfreien Haltung in die Praxis zu gehen bedeutet auch zu akzeptieren, dass ich nicht alles kann – vielleicht heute nicht, vielleicht auch nie. Es bedeutet, den Körper sowohl in der Aktivität als auch in der Entspannung zu spüren, die eigenen Grenzen wahrzunehmen und ihnen mit Neugier zu begegnen. Das heißt nicht, für immer dort zu bleiben, wo wir gerade sind. Natürlich verändert sich der Körper im Laufe der Praxis. Aber lassen wir ihm die Zeit, sich in seinem eigenen Tempo zu wandeln – so, dass er Vertrauen entwickeln kann.

Auf der Matte üben wir nicht nur Asanas, nicht nur den Körper, sondern auch eine grundsätzliche Haltung dem Leben gegenüber. Und wir wollen doch keine Haltung von Dominanz und Kontrolle kultivieren. Üben wir stattdessen den Kontakt – sodass wir durch Yoga eine schöne, lebendige Freundschaft mit unserem Körper entwickeln können.