Es gibt das Leiden, das zum Leben gehört – natürlich, unvermeidlich, Teil unseres Menschseins. Es entsteht aus Anhaftung, Vermeidung und der ständigen Identifikation mit unserem Ich. Dieses Leiden können wir nicht aus unserem Leben entfernen, und wir sollten es auch nicht versuchen.
Es gehört zu unserem Dasein – so wie Freude, Bewegung, Wandel und Vergänglichkeit.
Yoga lehrt uns, Abstand zu diesen Erfahrungen zu gewinnen: sie zu beobachten, ohne uns vollständig mit ihnen zu verstricken. Wenn wir lernen, unsere Gedanken und Gefühle zu sehen, statt uns mit ihnen zu verwechseln, entsteht ein kleiner Raum. In diesem Raum liegt Freiheit. Und vielleicht – ein wenig mehr Gelassenheit.
Daneben gibt es das unnötige, zukünftige Leiden – das Leiden, das wir erkennen und vermeiden können.
Patañjali fasst es in einem einzigen, klaren Satz zusammen:
„Heyam duḥkham anāgatam.“
Das zukünftige Leiden kann – und sollte – vermieden werden.
(Yoga Sūtra II.16)
Diese Zeile erinnert uns daran, dass wir Verantwortung tragen: für unseren Körper, unseren Geist und unsere Reaktionen auf das, was das Leben uns bringt.
Wir rüsten uns mit Praxis und Erkenntnis gegen das, was kommen mag.
Wir üben besonders regelmäßig im Herbst und Winter, weil wir wissen, dass diese Zeit für unsere Energie und unser Nervensystem herausfordernder ist. Wir widmen uns der Regeneration, öffnen das Becken vor der Menstruation, damit die Tage des Zyklus leichter werden. Wir stärken unsere Gelenke und die Wirbelsäule durch bewusste, aktive Praxis, damit wir auch im Alter noch selbstständig unsere Schuhe binden können – ein Bild, das B.K.S. Iyengar in Licht auf Yoga mit Humor und Klarheit teilt.
Iyengar schrieb im selben Buch, dass es meist praktische Menschen sind, die den Weg zum Yoga finden – und irgendwie stimmt das vollkommen.
Denn auch wenn wir uns mit der Zeit mehr für die philosophische Seite der Praxis interessieren, bleiben wir doch gleichzeitig Begünstigte ihrer ganz realen, körperlichen Wirkung.
Ein wenig Mühe jetzt, ein wenig Disziplin in der Regelmäßigkeit – und die positiven Effekte zeigen sich nach und nach.
Vielleicht unspektakulär, still, fast unbemerkt: weniger Rückenschmerzen, etwas stabilerer Schlaf, eine ruhigere Stimmung.
Kein Zustand der Allmacht, sondern das einfache, unschätzbare Geschenk von ein bisschen mehr Gesundheit.

