Die Grenzen unserer Erfahrung sind die Grenzen unserer Welt

Im Iyengar Yoga Unterricht werden wir oft von unserer Lehrerin oder unserem Lehrer ermutigt – durch präzise Anweisungen, manchmal manuelle Korrekturen – die Grenzen unserer eigenen Erfahrung zu verschieben.

Ich denke, meine Beine seien bereits gestreckt, doch nachdem mein Name ausgesprochen wird, strecke ich sie noch ein Stück weiter. Durch eine manuelle Korrektur entsteht eine Drehung im Rumpf, die für meinen Körper neu ist. In dem Feuer der gemeinsamen Praxis finde ich mich in einer völlig neuen Haltung – mit Mut und Offenheit. Und ich dachte, das könne ich gar nicht.

Schön ist, dass ich am nächsten Tag Muskelkater spüre, das Gefühl habe, etwas für meinen Körper getan zu haben, und – nebenbei gesagt – wohl auch die Prozesse des Alterns in Muskeln und Gelenken ein wenig verlangsamt habe. Doch heute frage ich mich: Worin liegt eigentlich der tiefere Sinn dieser Übung? Geht es wirklich nur darum, „die Komfortzone zu verlassen“ – um des Verlassens willen oder um den Körper zu stärken? 

Wir kennen dieses Phänomen auch aus unserer inneren Welt: Jede und jeder von uns hat ein eigenes psychisches Gleichgewicht – ein emotionales und geistiges “status quo”. Ein Geflecht von Überzeugungen über uns selbst, über die Welt, über andere Menschen; ein System emotionaler Reaktionen, eine verinnerlichte Kultur. Dieses System trägt uns durchs Leben. Auch wenn es vereinfacht ist, sind wir ihm dankbar, denn es gibt uns Orientierung, lässt uns handeln in einer Welt, die uns vertraut erscheint.

Wie bequem das ist, merken wir oft erst, wenn etwas dieses Gleichgewicht stört – ein offenes Gespräch mit jemandem, der ganz anders denkt oder fühlt, die Begegnung mit einer fremden Kultur, eine Krise, eine neue Lebensrolle, ein Verlust. Erfahrungen, die unbequem sind, zwingen uns, uns zu verändern, der Situation anzupassen, innerlich zu reifen.

Denn Erwachsensein bekommen wir mit den Jahren geschenkt – Reife hingegen müssen wir uns erarbeiten. Sie entsteht durch die Bereitschaft, dieses innere Gleichgewicht immer wieder zu hinterfragen. Wahre Veränderung geschieht selten plötzlich. Sie vollzieht sich langsam, in einem erträglichen, aber deutlich spürbaren Maß an Unbehagen.


Kommt uns das nicht bekannt vor? Genau das geschieht doch auch auf der Yogamatte. Wir erweitern unsere Erfahrung, unsere Wahrnehmung, unser Bewusstsein. Wir lernen, uns selbst immer wieder neu zu spüren, auf sich wandelnde Bedingungen und auf den sich verändernden Körper zu reagieren.

Ist das unbequem? Ja.

Ist es eine Quelle tiefer Zufriedenheit? Unbedingt.

Fortschritt kann dann vieles bedeuten: länger in einer Haltung zu verweilen, neue Asanas zu lernen, den Körper bewusster auszurichten – aber auch in Krankheit zu üben, mit einer Verletzung umzugehen, die Praxis regelmäßig ins Leben zu integrieren oder mit den zunehmenden Jahren ruhiger und achtsamer zu praktizieren. Sicherlich ähnelt ein solcher Fortschritt keiner einfachen aufsteigenden Linie, keinem Weg von A nach B, sondern eher einem Labyrinth. Um wie viel interessanter.

Sich auf die Matte zu stellen heißt, sich dem Leben zu stellen – ohne die Illusion, dass jemand anderes es für uns tun wird. Dieses Reifen im und durch den Körper breitet sich als Erfahrung jenseits des Denkens auf unser ganzes Leben aus. Und wer einmal den Geschmack dieser Veränderung gekostet hat, hat kein Interesse mehr am status quo.